Was mich bewegt
Die fünf Bäume im Paradies
Das Reich Gottes ist ein Königreich, kein Reich für Bettler. Wer hat, dem wird gegeben werden, wer nicht hat, dem wird genommen werden.
Wer Sklave seiner Angst ist, wird das Reich nicht getreten.
Wer abhängig von seinen Vorstellungen ist, wird das Reich nicht betreten. Wer es festhalten will, wird es verlieren.
Wer es woanders sucht, wird es nicht finden.
Wer meint, er wäre es nicht wert, im Paradies zu leben, der wird Recht behalten.
Deshalb heißt es: „Ihr habt fünf Bäume im Paradies, die sich nicht bewegen im Sommer und im Winter und deren Blätter nicht abfallen. Wer sie erkennt, wird den Tod nicht schmecken.“ (Thomasevangelium, 19)
Der erste Baum heißt Friede.
Der zweite Baum heißt Heiterkeit.
Der dritte Baum heißt Gelassenheit.
Der vierte Baum heißt Entschlossenheit.
Der fünfte Baum heißt Liebe.
Wer diese fünf Bäume in sich einpflanzt und bearbeitet, wird den Tod nicht schmecken, weil das ewige Leben nicht stirbt.
Friede, das bedeutet stets in Frieden zu bleiben mit dem, was ist – ohne zu wissen, warum. Friede mit der Unergründlichkeit des Weges. Friede mit dem Schmerz, mit der Trauer, mit dem Schönen, mit der Glückseligkeit (indem man nicht gleich daran zu zweifeln beginnt), Friede mit der Liebe, Friede mit dem Leben. Friede mit der eigenen Angst, Friede mit den Wünschen und den Begierden, Friede mit den eigenen Gedanken und Handlungen, Friede mit dem eigenen Willen. Dieser Friede ist das Gegenteil von Selbstaufgabe, er ist im Gegenteil die höchste Macht über die eigene Person, er ist echte Herrlichkeit. Friede, das heißt nicht, friedlich zu sein, um etwas Bestimmtes leichter zu erlangen. Friede, das heißt nicht, darauf zu vertrauen und zu glauben, „das alles gut wird“. Wahrer Friede ist jenseits jeder noch so subtilen Hoffnung auf irgendetwas Äußeres.
Heiterkeit, das bedeutet innere Freude. Keine Freude über irgendetwas Bestimmtes. Freude aus sich selbst heraus strömend, ohne Grund. Freude, die sich aber dennoch an allem erfreuen darf, ohne daran gekettet zu sein. Ohne Heiterkeit schmeckt selbst der tiefste Frieden schal.
Gelassenheit, das bedeutet ständiges Loslassen, das bedeutet ständiges Sterben, das bedeutet ständige Wiedergeburt. Gelassenheit ist die Bedingung, das lebendig leben zu können, was jetzt ist. Ohne Gelassenheit verhärtet es sich blitzschnell, ohne Gelassenheit will der Mensch festhalten, bewahren, erlangen. Ohne Gelassenheit verliert sich der Frieden, obgleich es noch eine Zeit lang, als starre Maske zurückbleibt. Gelassenheit ohne Heiterkeit führt zur Depression. Gelassenheit ohne Frieden führt zur Verzweiflung.
Entschlossenheit bedeutet, die eigenen Wirkkräfte frei entfalten zu können. Entschlossenheit bedeutet, sich nicht mehr durch Zweifel und Ängste hemmen zu lassen. Entschlossenheit bedeutet formlose innere Klarheit und bewirkt einen festen, ruhigen und erfolgreichen Weg. Entschlossenheit ohne Gelassenheit verhärtet sich. Entschlossenheit ohne Heiterkeit macht den Weg grau. Entschlossenheit ohne Frieden macht Getriebenheit.
Liebe ist Alles. Sie verbindet Alles. Liebe lässt das Ewige erstrahlen. Liebe gibt all den Dingen ihren Wert. Liebe gibt den belebten Wesen Ihre Empfindungen. Aus Liebe entsteht alles. Ohne Liebe verliert alles andere seinen Wert. Ohne Liebe gibt es keinen Sinn.
Aus dem Buch „Friede mit der Dunkelheit“ von Thomas Honsak